Rednerin des Monats

Gelebte Wiedervereinigung: Der deutsche Reichstag in der Bundeshauptstadt.
Gelebte Wiedervereinigung: Der deutsche Reichstag in der Bundeshauptstadt.

Am Tag der deutschen Einheit hat sich die Wiedervereinigung zum 29. Mal gejährt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es sich und ihren Zuhörern mit ihrer Rede auf dem Festakt nicht ganz einfach gemacht. Doch die Worte ihrer Redenschreiber waren auf den zweiten Blick sehr klug gewählt und haben auch nachgehallt.

 

Frau Merkel zielte viel auf den Kompromiss ab, den sie in ihrer nunmehr fast 15-jährigen Regierungszeit so oft und so intensiv bemüht hat. Die CDU-Politikerin erklärte in Kiel: „Wir können die Zukunft nur gut gestalten, wenn wir uns auch über unsere Ängste und Sorgen nur mit Respekt voreinander austauschen, wenn wir vor Augen haben, was jeder von uns mit seinen Erfahrungen beitragen kann, wenn wir um Lösungen konstruktiv ringen – und das heißt, wenn wir bereit sind, uns auf Kompromisse einzulassen.“ Denn es sei falsch, so Merkel weiter, „im Kompromiss nur etwas Faules zu sehen, ihn gar als Verrat am eigentlich Richtigen zu schmähen. Im Kompromiss vergewissern wir uns, was wir gemeinsam haben und worauf wir aufbauen können. Ohne Kompromiss gibt es keine Gemeinsamkeit. Und genau darum geht es heute. Um Gemeinsamkeit, um Einigkeit und Recht und Freiheit in unserem Land.“

 

Manch einem dürfte noch der Kompromiss beim Klimapaket in den Ohren gehallt haben. Politik ist das, was möglich ist. Und genau an dieser Stelle hat die Kernbotschaft von Merkels Einheitsrede deutliche Schwächen. Denn gerade die Wiedervereinigung hat eindrucksvoll gezeigt, das scheinbar Unmögliches möglich werden kann, wenn Politiker mutig sind - und nicht immer nach dem besten Kompromiss ringen. Entweder man ist geteilt, oder man ist es nicht. Entweder man rettet das Klima, oder man rettet es nicht. Da helfen keine Kompromisse, und wenn, dann nur im ganz Kleinen. Doch die großen Entscheidungen bei den bedeutendsten Themen der jeweiligen Zeit müssen klare Kante zeigen; Kompromiss hin oder her.

 

In vielen anderen Punkten hatte Frau Merkel mit ihrer Einheitsansprache recht. So sagte sie beispielsweise, dass es manchmal bequem sei, die Ursache eigener Fehler, eigener Unzulänglichkeiten bei den Umständen, beim Staat, bei der Politik zu suchen. Sie habe sich dabei auch schon ertappt, sagte die Bundeskanzlerin und meinte damit wohl ihre Lebens- und Leidenszeit in der DDR vor 1989. "Wer den Staat aber heute gegen die persönliche Freiheit in Stellung bringt, handelt den Grundprinzipien der Demokratie zuwider“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Redenschreiber J. Rieger. Authentisch. Stilsicher. Verlässlich.