Redner des Monats

Schloss Belevue: Dienstsitz Bundespräsident (Foto: hydebrink / fotolia)
Schloss Belevue: Dienstsitz Bundespräsident (Foto: hydebrink / fotolia)

Der mediale Widerhall auf die erste Einheitsrede von Frank-Walter Steinmeier hätte unterschiedlicher nicht sein können. Die einen fanden sie kritisch wie klug, mahnend wie ermutigend, parteiisch wie überparteilich (so das Hamburger Abendblatt), die anderen empfanden sie als eine Rede zwischen dem Sagen-Wollen und einem (vermeintlichen) Nicht-Sagen-Dürfen. Eine Rede als Dokument eigentümlicher Verzagtheit (so das Westfalen-Blatt). Die Rede am Tag der Deutschen Einheit hatte ganz gewiss ihre Stärken; sie war ziemlich sicher die beste, die der neue Bundespräsident bislang gehalten hat.

 

Kraftvoll war seine Beschreibung des Ist-Zustandes unserer Republik. Steinmeier hat in Mainz ausgesprochen, was ohnehin fast jeder denkt und viele auch schon in Stammtisch-Parolen gepackt haben. Aber in den fein gewählten Worten des oberen Staatsoberhauptes beziehungsweise seiner Redenschreiber bekommt die aktuelle Lage der Nation eine andere Dimension. Und das ist gut so.

 

Seit nunmehr 28 Jahren gibt es keine Mauer mehr zwischen Ost- und Westdeutschland, allmählich gibt es sie wohl auch nicht mehr in den Köpfen der Menschen. Doch es gibt möglicherweise mehr trennende Mauern in Deutschland, als man auf den ersten Blick zu denken glaubt, so der Tenor Steinmeiers. „Ich meine die Mauer zwischen unseren Lebenswelten“, sagte der Bundespräsident: „zwischen Stadt und Land, online und offline, Arm und Reich, Alt und Jung – Mauern, hinter denen der eine vom anderen kaum noch etwas mitbekommt.“

 

Steinmeier baute in seiner Rede pikanterweise auch selbst Mauern auf – solche allerdings, für die man durchaus eintreten kann, wenn auch nicht von Natur aus muss. Oder in Steinmeiers Worten: „Wir müssen uns ehrlich machen – in zweifacher Weise. Erstens, auch wenn sich hinter beiden Fluchtgründen (gemeint sind solche, aufgrund politischer Verfolgung und solche, aus wirtschaftlicher Not heraus) härteste menschliche Schicksale verbergen, sie sind nicht dasselbe, sie begründen nicht den gleichen uneingeschränkten Anspruch unserer Verfassung. Zweitens, Ehrlich machen müssen wir uns auch in der Frage, welche und wie viel Zuwanderung wir wollen.“

 

Es ist Steinmeiers legitimer und durchaus gelungener Versuch, mit den Skizzen eines Einwanderungsgesetzes die Hand nach den Bürgerinnen und Bürger auszustrecken, die von mittigen Wegen nach rechts abgekommen sind – ohne diejenigen, die es tendenziell nach links zieht zu verprellen. Oder in seinen Worten ausgedrückt: „Es gilt nun, die Wirklichkeit der Welt und die Möglichkeiten unseres Landes überein zu bringen.“

 

Über manch andere Punkte in Steinmeiers Rede kann man leidenschaftlich streiten. Dass er die AfD zwar kritisierte, aber nicht beim Namen nannte. Dass er den Begriff Heimat vielleicht ein wenig zu abwegig und sozialromantisch interpretierte. Doch das große Manko des Auftritts war, dass selbst unser Bundespräsident nach dieser, zumindest für die Volksparteien desaströsen Bundestagswahl den extremeren Ansichten in unserem Land nichts Entscheidendes entgegen zu setzen vermag.

 

Die diesjährige Einheitsrede wird vermutlich nur die wenigsten der nach rechts getrifteten Menschen zur Umkehr bewegen. Sie wird auch die links eingestellten Leute nicht davon überzeugen können, für Obergrenzen oder bestimmte Kontingente zu stimmen. Und sie gibt dem fein abwägenden Bürgertum in der Mitte der Gesellschaft vermutlich nicht allzu viel an die Hand, um ihre gemäßigte Haltung nach rechts oder links zu verteidigen. Doch sie ist womöglich ein guter Anfang, um künftig im gemeinsamen Dialog solche verbalen Argumentationslinien zu entwickeln - und am Ende des Weges vielleicht sogar einen Ruck durch unsere Gesellschaft gehen zu lassen.


Quelle: https://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/Chemiekonzerne;art736,9632245#paywallanchor
© Main-Post 2017
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 Ihr Redenschreiber J. Rieger. Diskret. Stilsicher. Verlässlich.